Nerds sind die neuen Popstars

Das Klischee lautet so: Auf dem Schulhof stehen sie oft abseits. Im Sportunterricht gehören sie zu den Schülern, die meist erst dann in die Mannschaft gewählt wurden, wenn aus mathematischen Gründen noch ein Mitspieler fehlt: die Computerfreaks. Nerds. Technikverliebte, die in ihrer Freizeit lieber programmieren als an der Eisdiele zu flirten. Im Englischen wurde für sie der Begriff „Geeks“  erfunden: Außenseiter.

nerdcool_smallerZugegeben. Dies ist eine sehr schmenhafte Darstellung. Aber selbst wenn. Diese Welt gibt es nicht mehr. Wenn der Alltag eines Teenagers von Technologie-Innovationen dominiert wird, sind die Technik-Nerds die Superstars. Die Popstars der neuen Digitalkultur. Wer einen Beleg dafür sucht, muss nur über das SXSW-Festival in Austin schlendern. In den mehr als 1200 Diskussionsrunden und Workshops sind es junge Mathematiker, Physiker und Software-Ingenieure, die mit Nickelbrille auf der Nase und Turnschuhen am Fuß auf der Bühne sitzen und den Zuhörern das Neuland erklären. David Rose, Gründer und Geschäftsführer einer Plattform für digitales Lernen und Vordenker für das „Internet of Things“, steht nach seinem Workshop über technologische Innovationen in der Erziehung noch Dutzende Bücher für seine Fans unterschreiben. Als Isaac „Biz“ Stone, einer der Gründer von Twitter, über Humanität in einer Welt der Algorithmen spricht, ist der große Saal im Kongresszentrum restlos gefüllt. Auch Alex Chung, der Gründer von Giphy, einer Plattform für animierte Bilder mit monatlich 65 Millionen Nutzern und einem Marktwert von 300 Millionen Dollar, ist einer dieser jungen Tech-Prominenten, die in Austin für Selfies zur Verfügung stehen müssen. „Nerds are the new cool“, heißt ein T-Shirt, das einem zwischen den Veranstaltungsorten immer wieder begegnet. Ein anderer Sticker besagt: „Ich bin kein Spießer. Ich bin nur intelligenter als du.“ 

Diese Tech-Prominenz ist anders als die Schönen und Reichen, die man sonst auf den Bühnen und im Fernsehen sieht. Sie interessiert weniger der neueste Fashion-Trend oder das dickste Auto in der Garage, sondern die nächste Finanzierungsrunde für ihre App und die Frage, ob sie ihr Start-up verkaufen sollen. „Cash or Glory?“, Bargeld oder Ruhm, lautet passenderweise ein Workshop über das Dilemma dieser jungen und erfolgreichen Gründer. 

Es ist ein Kulturwandel auf den Schulhöfen. Die Smartphone-Kompetenz und die Präsenz auf Social-Media-Plattformen sagt heute mindestens so viel aus über den sozialen Status eines High-School-Schülers aus wie seine Punktebilanz in der Football Mannschaft. Die Technik-Neugier, die Fähigkeit, sich in der digitalen Welt nicht nur ausdrücken zu können, sondern Antreiber derselben zu sein, entscheidet darüber, wer cool ist und wer nicht. Schon deshalb sollte man sich wohl mit den Tech-Themen beschäftigen.

Foto: Pressefoto der SXSW / Die Schauspieler Rami Malik und Christian Slater stellen die Nerd-Hacker-Serie Mr. Robot auf der SXSW 2015 vor.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.