Mobile first — wie unser erster journalistischer Comic entstand

Ein Flüchtling aus dem Iran arbeitet für Wochen bei uns in der Redaktion als Praktikant mit: Dabei ist ein ganz besonderes Teamprojekt entstanden. Ein Comic über seine Flucht nach Deutschland. Heute ist der Comic in einer Doppelseite in der Zeitung abgedruckt. So etwas gab es bisher bei der Rheinischen Post noch nie, auch wenn die Doppelseite erst am Ende entstand. Denn Praktikant Davood hat die Szenen in einem mobilen Format entwickelt. Unser Tipp: Rufen Sie den Comic mit Ihrem Smartphone auf, aber auch die Browser-Version gibt einen tollen Eindruck. Hier im Blog gibt es einen Blick auf die Entstehungsgeschichte des Comics.

Die Idee für den journalistischen Comic entstand in einer Wochenkonferenz. Wir erfuhren, dass wir einen neuen Praktikanten bekommen, der als Flüchtling in Deutschland lebt und ganz toll zeichnen kann. Da lag es nahe, ihn zu bitten, seine Fluchtgeschichte für uns aufzuzeichnen. Phil Ninh, Leiter des Data-Teams der Rheinischen Post, hatte große Lust, dieses Talent zu nutzen. Damit stand der Plan, Davoods Erlebnisse als Comic im Netz zu veröffentlichen.

Die Geschichte Was Davood erlebt hat, ist eine etwas andere Fluchtgeschichte. Es gibt keine Bomben, keine Schlepper oder überfüllte Boote auf dem Mittelmeer. Davood kam mit dem Flugzeug nach Europa und konnte bleiben. Eine etwas andere Fluchtgeschichte ist das Projekt auch, weil die RP zum ersten Mal einen journalistischen Comic veröffentlicht. Das Data-Team ist dafür da, genau solche Formate auszuprobieren. Phil Ninh und RP-Reporterin Franziska Hein nahmen das Projekt in die Hand.

Zunächst entwarf Davood ein Storyboard auf dem Papier. Davood hat schon im Iran als freier Illustrator gearbeitet und unter anderem Kinderbücher gemacht. Nach zwei Wochen setzten wir uns das erste Mal zusammen, um über die Geschichte zu sprechen. Weil Davood noch nicht gut Deutsch spricht, engagierten wir eine Übersetzerin. Phil fand bald eine Frau, die mit einem Iraner verheiratet ist und in Düsseldorf lebt. Christiane Amini hat zusammen mit ihrem Mann lange im Iran gelebt. Sie kann fließend Farsi und dolmetschte für uns. Davood erzählte uns seine gesamte Lebensgeschichte und die Umstände seiner Flucht. So genau, dass wir uns Bilder zu seinen Erlebnissen vorstellen konnten.

Die Lebensgeschichte von Davood könnte ein komplettes Buch füllen. Uns wurde schnell klar, dass wir nicht die gesamte Geschichte als Comic erzählen konnten. Zum einen, weil sie viel zu umfangreich für 30 Zeichnungen ist, zum anderen weil wir aufpassen mussten, dass Davood nicht in Schwierigkeiten gerät. Seine Mutter und seine Geschwister leben weiterhin im Iran. Er hat Angst davor, dass er sie in Gefahr bringt, wenn den Machthabern im Iran sein Comic unter die Augen kommt. Deswegen erscheint der Comic auch unter einem Pseudonym. Aus demselben Grund haben wir sie gerafft und Namen und Orte verfremdet. Die Geschichte erscheint ansonsten so, wie wir sie nach Davoods Erzählung protokolliert haben.

Die Umsetzung Als wir das erste Mal das komplette Storyboard von Davood sahen, waren wir begeistert. Dass er so filigran zeichnen kann und seine Bilder so viele Details enthalten, hat uns am meisten beeindruckt. Davood zeichnete die 30 Bilder auf Papier vor. Dann besprachen wir die Geschichte wieder mit der Übersetzerin. Danach konnte Davood beginnen, die Zeichnungen zu tuschen. Franziska begann mit der Vertextung des Comics und die Grafikerin Anna Radowski scannte die fertigen Bilder nach und nach ein.

Parallel dazu arbeiteten Phil und sein Team mit dem Dortmunder Informatik-Studenten Sakander Zirai an der Programmierung des Tools. Ohne Programmierer im Team läuft bei so einem Projekt nichts.  Das Data-Team beteiligte sich an der Programmierung der Webseite. Außerdem übernahm Phil das komplette Design. Sakander schrieb hilfreiche Scripts, welche beispielsweise die Ladezeit des Comics reduzieren und beim Lesen übers Handy die Navigation und den Seitenaufbau optimieren. Auch die praktische klick-und-scroll-Funktion kommt von ihm.

Bevor wir die fertigen Bilder mit den Texten und Sprechblasen versahen, trafen wir uns ein drittes Mal mit unserer Übersetzerin. Sie rückübersetze alle Texte für Davood, damit er sie überprüfen und absegnen konnte. Danach wurde der Text ein letztes Mal überarbeitet und dann am Computer in die Bilder eingesetzt. Weil der Comic gleichzeitig online und in der Printausgabe erscheinen sollte, mussten wir innerhalb der integrierten Redaktion sicherstellen, dass wir Platz in der Zeitung bekommen. Alle, die an dem Projekt beteiligt waren, haben sehr viel Zeit und Herzblut investiert. Vor allem Davood ist unheimlich stolz, dass er seine Geschichte auf diese Weise erzählen darf.

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