Die Digitalisierung wartet nicht auf uns

Der digitale Wandel ist dabei, fast alle unserer Lebensbereiche zu erfassen. Doch wir wehren uns noch immer dagegen. Mit verheerenden Folgen. Eine Analyse.

Wer wissen will, was in Deutschland schief läuft, der braucht nur nach München zu reisen. Wer vom Flughafen in die Innenstadt will und versucht, sein Ticket auf dem Smartphone zu kaufen, wird sich die Haare raufen. Und nach zehnminütiger Registrierung mit Eingabe dutzender persönlicher Daten (Wohnort, Handynummer, Kreditkartendaten) in der Nahverkehrs-App entweder resignieren oder die Überzeugung gewinnen, dass unser Land noch nicht bereit für das kommende Jahrzehnt ist.

6000 Medienschaffende treffen sich in dieser Woche in München, um über die Herausforderungen der Digitalisierung zu diskutieren. Auf den „Medientagen“ geht es um abstrakte Begriffe wie künstliche Intelligenz, Social Bots und Programmatische Werbung. Jeder Vortrag und jede Diskussion kommt zu dem gleichen Ergebnis: Die digitalen Neuerungen, die unaufhörlich unseren Alltag erobern, bedeuten große Veränderungen für alle. Aber wir sind nicht auf sie vorbereitet.

Künstliche Intelligenz etabliert sich als Alltagshelfer für den Menschen

Wie der digitale Wandel allmählich ein Gesicht bekommt, lässt sich an vielen Beispielen beobachten. Seit Mittwoch verkauft Amazon seine digitale Sprachassistentin „Alexa“ auch in Deutschland. Die Toaster-große Box hört, einmal im Wohnzimmer aufgestellt, auf das gesprochene Wort und kann Einkaufszettel notieren sowie Musik abspielen und Nachrichten vorlesen. Und Multi-Milliardär Elon Musk wird nicht müde zu betonen, dass das selbstfahrende Auto längst keine Zukunftsvision mehr ist. Die neueste Generation der Tesla-Elektroautos verfügt bereits über vollständig autonome Bordcomputer. Natürlich ist die Unfallfreiheit des Systems die entscheidende Herausforderung. Doch der Trend ist unumkehrbar: Künstliche Intelligenz etabliert sich als Alltagshelfer für den Menschen. Eine Realität, die wir bisher nur aus Science-Fiction-Filmen kannten.

Die Fragen, auf die wir dringend Antworten finden müssen, sind vielfältig: Wie werden Roboter-ähnliche Systeme künftig unser Leben beeinflussen? Wie können und müssen wir diesen Wandel gestalten? Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in ihrer Rede auf den Medientagen darauf hingewiesen, dass die Zukunftsfähigkeit von Deutschland davon abhängt, ob es den Unternehmen gelingt, die bereits heute riesigen Datenmengen lernen zu analysieren und für sich nutzbar zu machen. Der technische Fortschritt wartet nicht darauf, bis wir für ihn bereit sind: Jedes Jahr wächst der Datenberg um 62 Prozent. Und damit die Herausforderung, der stetig wachsenden Datenmenge Herr zu werden.

Die Künstliche Intelligenz kann nicht bluffen

Denn dies ist das Kernproblem der zweiten Welle der Digitalisierung: In der ersten lernten wir, Daten zu erfassen, zu speichern und zu übertragen. Nun geht es darum, die Daten automatisiert (!) zu analysieren, zu veredeln und zu monetarisieren. Der Weg dahin ist lang: 95 Prozent aller heutzutage erhobenen Daten sind noch unstrukturiert, ungefiltert und somit unbrauchbar. Es hilft nicht, ständig mit dem Finger auf Facebook und Google zu zeigen, weil diese im Gegensatz zu uns den Wandel als Chance begreifen, während wir vor Angst (Datenschutz!) erstarren.

Was bedeutet das in der Praxis? Bargeldloses Bezahlen via Smartphone könnte ein Kinderspiel sein – wenn die entsprechende Technik nur verwendet werden würde. Die Reservierung des Tisches im Restaurants können Chat-Bots für den Nutzer fast vollautomatisch erledigen – bisher allerdings nur in den USA. Es ist noch nicht so lange her, da war Deutschland beim Thema künstliche Intelligenz einmal Vorreiter: Das Sprachassistenz-System Siri von Apple basiert auf einem ähnlichen deutschen Gemeinschaftsprojekt der Deutschen Telekom und Siemens. Doch die Telekom hielt den Markt noch nicht reif für das Produkt – und Siemens beschloss, seine Handysparte einzustellen. Heute reiben sich beide Unternehmen verwundert die Augen über das, was Apple aus der Idee gemacht hat.

Den Wettstreit zwischen Mensch und Maschine um die bessere kognitive Intelligenz hat der Computer längst zu seinen Gunsten entschieden. Weder in Schach noch in Go können die Weltmeister gegen die Rechner gewinnen. Einzig im Poker ist der Mensch noch besser: Die Künstliche Intelligenz kann nicht bluffen.

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